123. Die übernatürliche Empfängnis

Einst habe ein sehr faules Weib gelebt, das nichts tun mochte. Einmal habe es einen Wassereimer in die Hand genommen, um aus dem Brunnen Wasser zu holen. Als es Wasser genommen habe, sei auch das Mutterkorn einer Erbse in den Eimer gekommen. Das Weib habe das Erbsenkorn genommen und aufgegessen, und darauf sei es schwanger ("schwerfüßig") geworden und habe einen Sohn geboren. Der Sohn sei aber sehr klein gewesen, nur drei Spannen lang sei er gewesen, und einen großen Bart habe er am Mund gehabt, und größer sei er nicht mehr geworden, obwohl er wie ein Mann gegessen habe, so daß die Mutter mit der Beschaffung der Nahrung schon sehr in die Klemme gekommen sei. Er sei auch ein großer Raucher gewesen: die Pfeife sei von Tonnengröße und der Tabakbeutel von der Größe eines Lofes (=altes baltisches Hohlmaß) gewesen; die habe er überall mit gehabt, nie haben sie fehlen dürfen. Kraft habe er gehabt wie ein Bär oder sogar mehr. Schließlich habe die Mutter beschlossen, den Sohn dem König zu zeigen, vielleicht habe der König einen solchen Kraftmann nötig.

Sie hätten sich dann zu zweit auf den Weg zum Königsschloß gemacht und hätten zusammen gute Reden von Land und Welt geführt. Als sie so ein Stück Weges gegangen seien, sei ihnen ein Herr mit vier Pferden und einer Kutsche entgegengekommen, und als er das Weib mit seinem Sohn kommen sah, und sie untereinander große Reden führen hörte, befahl er dem Kutscher, die Pferde anzuhalten und fragte den drei Spannen großen Mann: "Was für ein Mann bist du, so winzig und mit so großer, breiter Rede?" Daraufhin habe der kleine Mann gesagt: "Was willst du von mir? Du hast mir ja noch nichts gegeben." Dann habe er den Herrn am Schopf gegriffen und in den Wald geworfen. Der Kutscher habe ihn daraufhin gescholten; da habe er ihn genommen und mitsamt der Kutsche und den Pferden dem Herrn nachgeworfen und sei dem Königsschloß zu weitergeschlendert.

Als sie so zum Königsschloß gekommen waren, sei die Mutter hineingegangen und habe dem König erzählt, daß sie solch einen starken Sohn habe. Der König sei dann mitgekommen, um von ihm das eine und andere zu erfragen, aber er habe nichts anderes gesagt als: "Gebt mir zuerst zu essen, dann werde ich schon sprechen." Man habe dem Männlein dann zu essen gegeben, er habe auf einmal einen Laib Brot und einen ganzen Ochsen aufgegessen, und außerdem noch Bier, das er darauf schlürfte. Jetzt fing der König wieder an, mit ihm gemütlich zu plaudern. Aber der kleine Mann habe gesagt: "Ich will erst schlafen, dann werde ich schon sprechen." Er habe sich dann auch schlafen gelegt und habe drei Tage und Nächte immerfort geschlafen. Dann sei er aufgestanden und habe auf die Fragen des Königs geantwortet, was der nur fragte.

Zu der Zeit hatte der König gerade Krieg mit einem Nachbarkönig, und der war mit seinen Heeren schon äußerst nahe an die Stadt des Königs gekommen. Der winzige Mann bekam das zu hören, ging allein dem fremden Heer entgegen, warf sie mit einer Hand auseinander und machte das Land frei von den Feinden. Da erhob der König ihn zum allerhöchsten Heeres-Obersten. Nun wagte kein fremder König mehr, in das Land dieses Königs zu kommen, denn alle fürchteten diesen kleinen Heeres-Obersten.